Was wir von den niederländischen Nachbar:innen lernen können – und wo der Rad-Verkehr auch dort noch an seine Grenzen stößt

Fahrradfahren als Selbstverständlichkeit

Viele Menschen hierzulande nehmen Radfahren als eine Freizeitbeschäftigung oder sportliche Aktivität wahr, die vorwiegend im Urlaub oder zu Ausflügen ausgeübt wird. Als alltägliches Transportmittel scheint das Fahrrad – bis auf Ausnahme wie in Münster und Bremen – nur für Wenige eine Option zu sein. Ganz anders sieht es in den Niederlanden aus – hier ist Radfahren selbstverständlich. Über achtzig Prozent der Strecken unter vier Kilometer werden mit dem Fahrrad zurückgelegt – egal bei welcher Witterung. „Es regnet ca. sieben Prozent der Zeit in den Niederlanden, da wäre es viel zu umständlich, sich für solche Tage zu überlegen, ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen“, berichtet in dem Zusammenhang der Blogger, Fahrradenthusiast und Stadtführer Mark Wagenbuur. Aber was genau bewegt die Niederländer:innen dazu täglich das Rad zu nutzen?

Infrastruktur und Innovationen statt Strafen und Verbote

Laut einer Umfrage des Fahrradherstellers Gazelle nutzen die meisten Niederländer:innen (66 %) das Rad, weil es gut für die Gesundheit ist. Zweiundvierzig Prozent nannten Umweltgründe als Motivation. Danach folgten die Gründe Schnelligkeit (35 %) und Flexibilität (29 %) sowie finanzielle Aspekte mit nur zwei Prozent.[1]

Schnelligkeit und Flexibilität – dazu scheint vor allem eines eine notwendige Voraussetzung zu sein: gute Infrastruktur! Neben baulich getrennten, gut gepflegten Radwegen und großen, bewachten Fahrradparkhäusern werden insbesondere viele modale Filter genutzt – so ergibt es sich ganz natürlich, dass Straßen frei für Fahrradfahrer:innen bleiben und Autos automatisch umgeleitet werden. Auf der anderen Seite neigen die niederländischen Stadtplanner:innen immer mehr dazu, Konzepte mit sogenannten shared spaces [geteilten Flächen] auszuprobieren. Ein Beispiel hierfür ist ein großer Platz am Amsterdamer Hauptbahnhof und der anliegenden Fähranlegestelle, den Fußgänger:innen und Radfahrer:innen gemeinsam nutzen. Hier müssen alle aufeinander Rücksicht nehmen, niemand hat „Vorfahrt“. Grundsätzlich gilt aber, die Fußgänger:innen haben Vorrang vor den anderen Verkehrsteilnehmenden. Ein weiteres Beispiel ist die Fahrradstraße. Dort sind die Autos nur zu „Gast“ und Radler:innen dürfen entspannt nebeneinander her radeln oder sich gegenseitig überholen. Besonders anschaulich und mutig ist ein Konzept in Utrecht an den beiden Ringstraßen Maliesingel und Tolsteegsingel. Dort wurden zwei Autospuren (5m) auf eine Autospur reduziert (2,5m). Die gewonnene Fläche wurde einerseits für mehr Grünfläche sowie Fußgänger:innen-Wege und andererseits für Radspuren umgewidmet. Die Radspuren sind nicht baulich von der Autospur getrennt, sodass Autos in beide Richtungen aneinander vorbei fahren können, solang sich keine Radfahrer:innen auf der Radspur befinden. Ansonsten müssen sie anhalten und warten, bis die Spur wieder frei ist. Was im ersten Moment nach katastrophaler Planung und Verkehrschaos klingt, funktioniert in Utrecht mit respektvollem Umgang und einer gewissen Portion Entspanntheit reibungslos. Das zeigt sich auch in konkreten Zahlen. So stieg die Anzahl der Radfahrer:innen auf dem Maliesingel beispielsweise von 5.700 auf 6.900 pro Tag an. Die Anzahl der Autos sank von 6.000 auf 4.100 täglich.[2]

Darüber hinaus lassen sich die Niederländer:innen immer wieder etwas Neues einfallen, um das Radfahren so angenehm wie möglich zu gestalten – und vor allem, um einen rücksichtsvollen und sicheren Umgang zwischen Autofahrer:innen und Radfahrer:innen sowie zu ermöglichen.

Statt Sanktionen für negatives Verhalten in Form von hohen Geldstrafen zu erteilen, gibt es eine Vielzahl an technische und kreative Lösungen wie der Gamifikation, die positives Verhalten fördern sollen. Ein Beispiel sind die sogenannten Ampelassistenten Flo, die mit verschiedenen Tiersymbolen anzeigen, wie schnell noch getrampelt muss, um die nächste grüne Ampel zu erreichen. Im Boden installierte Sensoren ermöglichen längere Grünphasen für größere Gruppen und ein schnelleres Umschalten auf Grün bei einer großen wartenden Gruppe, sodass Radfahrer:innen nur selten in Versuchung geraten, eine Ampel bei Rot zu überqueren. 

Nicht nur an den Ampeln gibt es besondere Anzeigen, auch überall auf den Radwegen befinden sich Hinweise. Diese sogenannten Prompts machen einerseits auf die Bedürfnisse anderer Verkehrsteilnehmenden aufmerksam und zeigen andererseits den Weg zum nächstgelegenen Fahrradparkhaus an, um wild abgestellte Fahrräder zu vermeiden. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel vor der Amsterdamer Universität Personal, das Räder neu sortiert und umsortiert, damit jede:r einen Platz findet. In der Fahrschule lernen Schüler:innen standardmäßig, die Autotür mit der rechten Hand zu öffnen und machen somit automatisch einen Schulterblick, um rechtzeitig Fahrradfahrer:in in der Gefahrenzone erkennen zu können. Insgesamt kreieren all diese Maßnahmen eine Atmosphäre, in der sich Radfahrer:innen willkommen fühlen und ein rücksichtsvolles Verhalten aller Verkehrsteilnehmenden intuitiv hervorgerufen wird.

Houten – eine autofreie Stadt?

Innovationen gibt es in Holland nicht nur im Kleinen. Auch in großen Visionen wird gedacht. So wurde in den Siebzigerjahren aus dem kleinen Dorf Houten eine autofreie Kleinstadt mit nun rund 50.000 Einwohner:innen direkt auf dem Reißbrett konzipiert. Autos haben zwar Zugang zu jeder kleineren Siedlung, werden allerdings über einen großen Umweg entlang einer Ringstraße um die Stadt herum geleitet. Deshalb ist es immer schneller, mit dem Rad von A nach B zu fahren. Wer allerdings glaubt, dass der motorisierte Verkehr damit aus der Kleinstadt verbannt sei, täuscht sich. So bewegen sich vor allem Jugendliche und Pizza-Lieferant:innen auf Mopeds fort. Auch Fahrzeuge zur Instandhaltung von beispielsweise öffentlichen Grünflächen sind motorisiert und zugelassen. Und beim genauen Hinschauen bzw. Nachfragen ergibt sich, dass trotz der ausgeklügelten Infrastruktur fast jeder Haushalt ein Auto besitzt, das gut versteckt auf der Rückseite der Wohnhäuser parkt.

Stadtplan Houten (Foto: Julia Jarass/EXPERI)

Das Pendler:innen-Paradox

Hoher Autobesitz in einer autofreien Stadt? Schnell wird klar, woran das liegt. Denn von den ca. 80 Prozent Pendler:innen, die jeden Tag für ihren Job die Kleinstadt verlassen, pendeln ca. zwei Drittel mit dem Auto – trotz S-Bahnstation inklusive Fahrradparkhaus und Radschnellweg durch ländliche Idylle ins nahegelegene Utrecht.

Wie sieht es im Rest der Niederlande aus? Die Motorisierungsrate ist relativ hoch. Auf 1000 Einwohner:innern kommen ca. 458 (zum Vergleich: in Deutschland gibt es durchschnittlich 568 Autos pro 1000 Einwohner:innen).[3] Damit liegen die Niederlande weltweit auf Platz 27 mit ihrem Autobesitz. Siebensiebzig Prozent der Pendlerstrecken werden mit dem Auto zurückgelegt, zehn Prozent mit dem Zug und nur sechs Prozent mit dem Fahrrad. Dabei wohnen nach Angaben des Ministeriums für Infrastruktur und Wassermanagement ca. die Hälfte der Niederländer:innen nur 7,5-Km von ihrem Arbeitsplatz entfernt[4] – eine Strecke, die sich gut mit dem Fahrrad bewältigen lässt.

Fahrradparkhaus an S-Bahnstation (Foto: Julia Jarass/EXPERI)

Die Niederlande hat das Pendler:innen-Problem erkannt und ist auch hier auf dem Vormarsch in Richtung innovativer Lösungen. So wird viel Geld und Forschung in das Konzept Mobility as a service (Maas) gesteckt, um die Intermodalität mit digitalen Tools komfortabler und effizienter zu gestalten und somit höhere Anreize zur ÖPNV-Nutzung in Kombination mit dem Fahrrad zu bieten.

Zusätzlich hat die niederländische Regierung angekündigt, 360 Millionen Euro in weitere Radinfrastruktur zu investieren, von denen vor allem fünfzehn Radschnellwege und 25.000 Stellplätze errichtet werden.

Nicht zuletzt spielen E-Bikes eine große Rolle, um die größeren Pendeldistanzen zu überbrücken. Der Verkauf sowie die Nutzung von E-Bikes sind stark angestiegen. Das zeigt sich vor allem auf dem Arbeitsweg: zwischen 2013 und 2016 stieg die Nutzung hierfür von 18 auf 24 Prozent.[5]

Innovationen gibt es in Holland nicht nur im Kleinen. Auch in großen Visionen wird gedacht. So wurde in den Siebzigerjahren aus dem kleinen Dorf Houten eine autofreie Kleinstadt mit nun rund 50.000 Einwohner:innen direkt auf dem Reißbrett konzipiert. Autos haben zwar Zugang zu jeder kleineren Siedlung, werden allerdings über einen großen Umweg entlang einer Ringstraße um die Stadt herum geleitet. Deshalb ist es immer schneller, mit dem Rad von A nach B zu fahren. Wer allerdings glaubt, dass der motorisierte Verkehr damit aus der Kleinstadt verbannt sei, täuscht sich. So bewegen sich vor allem Jugendliche und Pizza-Lieferant:innen auf Mopeds fort. Auch Fahrzeuge zur Instandhaltung von beispielsweise öffentlichen Grünflächen sind motorisiert und zugelassen. Und beim genauen Hinschauen bzw. Nachfragen ergibt sich, dass trotz der ausgeklügelten Infrastruktur fast jeder Haushalt ein Auto besitzt, das gut versteckt auf der Rückseite der Wohnhäuser parkt.

Best-Practice auch in Zukunft?

Die Niederlande sind ein wunderbares Vorbild für eine tolle Rad-Infrastruktur, einer gelebten Fahrradkultur und technische, kreative Innovationen, die das tägliche Radfahren angenehm und sicher machen. Trotz allem hat das Auto auch dort noch einen relativ hohen Stellenwert, insbesondere für längere Strecken und das Pendeln zur Arbeit. Hier bleibt abzuwarten, ob Maßnahmen wie die Förderung der Intermodalität, neue Radfernstrecken und die E-Bike Nutzung in den nächsten Jahren zur hohen Reduktion des Autoverkehrs führen und wieder als Best-Practice für die Verkehrswende in Deutschland genutzt werden können.